Ausstellung «Lebe besser! Auf der Suche nach dem idealen Leben»

Erfahrungsbericht und weshalb ich sage:
F*ck it, Birchermüesli!

CW: Eugenik, Diät Kultur

Auszug aus der Medienmitteilung:

Das Bernische Historische Museum zeigt zusammen mit der Universität Freiburg, verlängert bis am 16.8.2020, eine Ausstellung zur Lebensreformbewegung in der Schweiz.
Immer mehr Menschen ernähren sich vegan, die Jugend streikt für das Klima und Fitnessgurus verbreiten ihre Botschaft in den sozialen Medien. Gesunde Ernährung, Klimabewusstsein und Körperkult sind aber keine neuen Themen: Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts, in einer Zeit forcierter Industrialisierung und Urbanisierung, empfanden Menschen ihre Gegenwart als krisenhaft und lebensfeindlich. Diese Lebensreformerinnen und Lebensreformer versuchten, durch Selbstoptimierung den Missständen auf verschiedenen Ebenen entgegenzuwirken.

Ausdruckstanz als Teil der Lebensreformbewegung: Tänzer Sigurd Leeder in Ascona, 1925
© SAPA, Nachlass Sigurd Leeder, Fotograf: Rudolf Opitz

Diät Kultur und Dickenfeindlichkeit haben auch in der Schweiz eine lange Geschichte. Material dazu zu finden war bisher gar nicht so einfach, deshalb war ich sehr gespannt auf die Ausstellung.

Mich hat die Ausstellung beeindruckt und es war sehr interessant zu sehen, wie alt die Ideen der Selbstoptimierung sind und auch der Wunsch nach dem einfachen und optimierten Leben mit: «Zurück zur Natur». Die Lebensreformbewegung kann man im besten Fall als ambivalent bezeichnen. Als dicke Person würde ich sagen, dass diese Bewegung u.a. Dickenfeindlichkeit und das Schweizer Bild von Schönheit und Leistungsfähigkeit geprägt hat.

Die Lebensreformbewegung richtet sich bis heute an die besser situierte Bevölkerung:

Lange Zeit können nur jene ostentativ auf Fleisch verzichten, sich vegetarisch ernähren, die sich überhaupt Fleischgerichte zu leisten vermögen. Noch
heute sind Bioprodukte, Vollwertkost und Naturheilpraktiken nicht für alle erschwinglich.

Alle Zitate aus der Begleitbroschüre

Ich würde die Lebensreformbewegung sogar als Beginn der Schweizer Diät Kultur bezeichnen:

Zur Lebensreform als Selbstreform gehört auch die intensive Arbeit am eigenen Körper. Natürlichkeit, Schönheit und Fitness werden als lebensreformerische Leitmotive propagiert. Gesund, schlank und leistungsfähig soll der Körper sein, ganz im Sinne des heutigen Körper- und Fitnesskults.

Wie auch heute waren viele Diskurse weltfremd und schlossen grosse Gruppen der Bevölkerung aus. Das Ziel war nicht etwa Inklusion, sondern diese Gruppen schlicht und einfach auszulöschen. Ganz offensichtlich sieht man dies im Bild „Das Volk im Zukunftsstaat“ (siehe S. 11 der Begleitbroschüre) welches eine Zukunft mit nur wenigen, fitten älteren Männern und zum Beispiel keine Menschen mit Behinderungen zeigt. Die Frauen tanzen glücklich und halb nackt herum.

Gerade das Streben nach einer bestmöglichen Gesundheit und einem Idealkörper bietet ein Einfallstor für eugenische und rassistische Vorstellungen. Zahlreiche Reformer und Reformerinnen verbreiten solche Ideen mit dem Ziel der «Höherentwicklung» und der Überwindung der «Degeneration» des Menschen.


Besonders spannend finde ich, dass auch die Gesundheitsförderung und Prävention aus dieser Zeit entstanden ist:

Einige lebensreformerische Akteure wie die bekannten Schweizer Ärzte Auguste Forel und Gustav von Bunge beginnen im frühen 20. Jahrhundert diese Gesundheitsforderungen auf die gesamte Bevölkerung zu übertragen. Der Staat soll die sogenannte Volksgesundheit durch Aufklärungsarbeit und Präventionskampagnen, aber auch durch Zwangsmassnahmen verbessern. Während die Gesundheit durch grosse Sportanlässe, verbilligte Lebensmittel oder bessere Krankenversorgung gefördert wird, sollen Alkoholiker, Menschen mit einer Behinderung und chronisch Kranke mit Heiratsverboten, Zwangsversorgungen oder sogar durch Sterilisation und Kastration an der Fortpflanzung gehindert werden. Solche Massnahmen basieren auf der sogenannten Eugenik, die in vielen demokratischen Ländern, so auch in der Schweiz, in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts weit verbreitet ist. Gerade in der Schweizer Lebensreformbewegung erhalten eugenische Forderungen viel Unterstützung.

Zwangssterilisation und Kastrationen gab es in der Schweiz bis in die 90er Jahre!
Im öffentlichen Diskurs rund um dicke Menschen und in der Gesundheitsförderung – man könnte sagen: dem Ausmerzen von dicken Menschen – lässt sich auch heute die Herkunft sehr gut beobachten.

Kultureller Rassismus ist auch heute in der Gesundheitsförderung noch stark vertreten und die Idee der „Selbstverantwortung des Individuums“ beachtet weder die Soziale Ungleichheit noch den Schaden und die unethische Arbeit der Lobby der Diät Industrie. Der Ausschluss von hochgewichtigen Frauen von Therapien zur Fruchtbarkeits-Behandlungen anhand des BMI kann auch heute als Eugenik bezeichnet werden.

Wie die aktuelle Corona Krise zeigt, sind wir auch heute nicht weit weg von solchen Diskursen (siehe Triage Problematik bei Ressourcen Knappheit).


In der Schweiz werden die Alpen als Refugium einer intakten Natur und als urwüchsiges Gesundheitsparadies stilisiert. Im Zeitalter des Kolonialismus werden die Naturideale aber auch auf sogenannte Naturvölker ausserhalb Europas projiziert, die von den Zivilisationsprozessen unberührt geblieben seien. Die Naturphilosophen tragen damit zum stereotypischen und romantisierenden Blick auf die kolonisierte Welt bei.

So wurde auch der Konsum von exotischen Gütern gefördert und die Auswirkungen der kulturellen Aneignung werden in der Ausstellung durch Filmausschnitte von Tanz, Spiel und Gymnastik sehr sichtbar. Das Marketing der Lebensreformbewegung war äusserst raffiniert. Dabei ging es ganz klar um mehr, besser, exotischer und persönliches Prestige. Ich sehe hier viele Ähnlichkeit zu heutigen Influencern.

So wurde, als die Schweizer Alpen für die breite Bevölkerung zugänglich und deshalb zu langweilig wurden, der Run auf den Himalaya gestartet. Wer ist der erste am Gipfel?

Die Ausstellung hat auch persönliche Kindheitserinnerungen geweckt. Die Ausstellung porträtiert Dr. Bircher-Benner, den Erfinder des Birchermüesli. Plötzlich erinnerte ich mich an verschiedene Bemerkungen meiner Grossmutter in Zusammenhang mit meinem dicken Körper, welche häufig lauteten: „Dr. Bircher hat jeweils gesagt, dass…“ Meine Grossmutter arbeitete während vielen Jahren für zwei Söhne von Dr. Bircher-Benner. Der eine war Max Edwin Bircher. Dieser hat laut Wikipedia Praxiszeiten in Amerika verbracht, u.a. im Battle Creek Sanatorium von John Harvey Kellogg. Hier sieht man wie die Schweizer und die Amerikanische Diät Kultur miteinander verbunden sind.

Halte dich gesund!
In der Naturheilanstalt von Max Bircher-Benner am Zürichberg erhalten die Gäste feuchte Wickel, um den Körper zu entgiften.
© Archiv für Medizingeschichte, Zürich

Ich habe meine Grossmutter nach Erinnerungen gefragt. Sie weiss nicht mehr sehr viel über diese Zeit, hat jedoch im Arbeitszeugnis gelesen, dass sie doch einige Jahre dort tätig war.

Der zweite Dr. Bircher, Franklin, beschäftigte sich mit der Frischzellentherapie. Meine Grossmutter erinnert sich daran, dass er immer Sachen vom Metzger mitbrachte. Ich musste Google fragen: gruselig, was es alles für Methoden für die Schönheit gab.

Stolz berichtet mir meine Grossmutter, dass sie heute mit bald 90 Jahren wieder jeden Abend ein Birchermüesli isst, denn das sei das gesündeste und bekömmlichste für sie. Nun, wenn das der Dr. Bircher gesagt hat, muss es ja stimmen… Und es scheint, dass man vieles vergessen kann, die Diät Kultur begleitet einem jedoch bis zum Lebensende.


Auch wenn ich einige Ansätze der Lebensreformbewegung gut finde und zum Beispiel nichts gegen warme Wickel bei Rückenschmerzen habe, sehr gerne Massagen geniesse, auch Yoga und nackt baden nicht abgeneigt bin, überwiegen klar die Nachteile. Und diese prägen nach wie vor unser Land und schon immer mein Leben als dicke Frau. Die Idee von Schlank = „schön und gesund“, sowie der Druck nach Leistungsfähigkeit wird immer stärker.
Selbst in wichtigen Bewegungen wie Klimaschutz wird häufig nach unten getreten und dadurch dicke Menschen weiter marginalisiert. Es ist ja auch einfacher, dicken Menschen die Schuld zu geben, als grosse Firmen zur Rechenschaft zu ziehen.

Wie könnte eine Welt aussehen in welcher Bewegungen sich nicht an der Mittelschicht orientieren, sondern gerade die Menschen und die Probleme behandeln welche die marginalisierten Menschen in der Gesellschaft am meisten belasten. So lange Diskriminierung und Soziale Ungerechtigkeit und „Othering“ geschieht, werden wir langfristig nichts erreichen.

Ich kann den Besuch der Ausstellung absolut empfehlen.

Ich hätte mir gewünscht, dass in der Ausstellung die Nachteile der Bewegung stärker hervorgehoben werden. Jemand ohne kritisches Auge findet wohl eher Bestätigung für seine Überzeugungen, als diese kritisch zu hinterfragen (was ich unter anderem auch gelesen habe).
Um die Ausstellung und die Bewegung kritisch betrachten zu können, lohnt es sich unbedingt die Begleitbroschüre zu lesen.
Für Personen mit einer Geschichte von Essstörungen ist die Ausstellung weniger geeignet.

Die Lebensreformbewegung und damit Dr. Bircher-Benner und seine Söhne könnte man als Begründer der Schweizer Diät Kultur sehen (mehr Forschung ist hier nötig).

Seit ich dies weiss, habe ich kein einziges Birchermüesli mehr gegessen.
Da ich Birchermuesli eigentlich mag, suche ich dringend einen neuen Namen.

Wie könnten wir es nennen?

Fuck it (B…..) Müesli?

Riot not Diet Müesli?
Mal mit Eiscreme statt Haferflocken, oder Schokoladenstreusel?

Lose hate, not weight Müesli?

Was meinst du? Und falls du je meine Grossmutter triffst, besser nicht über Diät Kultur reden :-).

Küchenraffel Original Dr. Bircher, um 1920-1930
Der Aargauer Arzt und Ernährungsreformer Max Bircher-Benner erfand um 1900 das «Birchermüesli».
Hauptzutat waren geraffelte Äpfel, gemischt mit Haferflocken, Nüssen, Zitronensaft und gezuckerter Kondensmilch.
© Bernisches Historisches Museum, Bern. Foto: Christine Moor