Über das Verwässern von Begriffen: Self-Care, Self-Love und Body Positivity

Ist Body Neutrality besser als Body Positivity?

Die letzten Monate hörte ich in verschiedenen Podcasts die Frage, ob Body Neutrality besser sei als Body Positivity. Die Diskutierenden waren sich häufig einig, was besser sei, nämlich Body Neutrality. Mich hinterliessen diese Diskussionen frustriert und genervt. Es war selten klar, was denn genau unter den Begriffen verstanden wird – und wenn, dann hatte es sehr wenig mit der ursprünglichen Idee von Body Positivity zu tun. In einer Diskussion mit meiner Teamkollegin Sandra sagte ich genervt: „Zuerst missbrauchen straight size Influencer*innen den Begriff Body Positivity, und dann wollen sie uns erklären, weshalb Body Neutrality besser ist als Body Positivity. Was soll das?“

Sprache ist wichtig. Sprache schafft Realität. Sprache schafft Identität, und Worte können uns als Community zusammenbringen.

Wenn Worte und Begriffe jedoch zu oft in einem falschen Kontext verwendet werden, können sie ihre Bedeutung und dadurch auch ihren Wert für die Community verlieren. 

Kürzlich las ich wieder einmal Audre Lordes Worte zu Selbstfürsorge: „Für mich selbst zu sorgen ist kein persönlicher Luxus“, schrieb sie 1988. „Es ist Selbsterhalt und damit ein Akt politischer Kriegsführung.“ Sich um sich selber zu sorgen und sich um das eigene Wohlbefinden zu kümmern, ist Widerstand. Während Audre Lordes Worte und Idee zu Self Care radikal sind, ist das Wort heute abgedroschen und wird mit Schaumbädern und Kerzen in Verbindung gebracht. (1)

Selbstliebe ist ein weiterer Begriff, welcher entweder sehr viel Bedeutung haben kann, oder aber toxische Eigenverantwortung ins Zentrum stellt. Sonya Renee Taylor versteht radikale Selbstliebe als das grundlegende Fundament des Seins. Wir sind radikale Selbst-Liebe. Diese wird aber gestört durch ein System von Diskriminierung und Körperhierarchien, welches von Selbst-Hass profitiert. Sonya schreibt: “A radical self-love world is a world free from the systems of oppression that make it difficult and sometimes deadly to live in our bodies.” (Eine Welt der radikalen Selbstliebe ist eine Welt, die frei ist von den Systemen der Unterdrückung, die es uns schwer und manchmal sogar tödlich machen, in unserem Körper zu leben.) (2)

Eine andere Person auf Instagram benutzt den Begriff Selbstliebe auf einer individuellen Ebene und abwertend. Sie erklärt verschiedenen Menschen immer wieder, dass sie keine Diskriminierung erleben würden, wenn sie sich nur selbst lieben würden.

Sonya Renee Taylor hat ein radikales Verständnis von Selbstliebe, hinter welchem ich voll und ganz stehen kann. Das zweite ist eine toxische Idee von Eigenverantwortung und positivem Denken. Strukturelle Probleme werden auf den Mangel an Selbstliebe von Individuen abwälzt und dadurch werden genau diese toxischen Systeme verstärkt.

Auch Body Positivity ist ein Begriff, welcher leider seine ursprüngliche Bedeutung verloren hat. Nach meinem Verständnis des Begriffes könnte ich meine Arbeit durchaus als body positive bezeichnen, tue es aber nicht. Body Positivity kommt aus dem Fettaktivismus und ging in seinen Ursprüngen sehr viel weiter als das individuelle Feiern von Körpern.  

Wenn ich über Körper-Respekt und Gewichtsdiskriminierung rede, höre ich regelmässig: „Ja also ich bin ja voll für Body Positivity, aber das was du machst, ist… (krank, grusig, gefährlich etc.)“. Body Positivity wird mit straight-size Körpern in Verbindung gebracht, die ihre „Makel“ annehmen – und nicht mit mir als sehr dicke, fette Frau. Es waren die Gesichter von straight-size Influencer*innen, die die hier in der Schweiz den Begriff prägten. Diese Influencer*innen  hatten sicher für viele Menschen einen positiven Effekt, auch wenn ich persönlich mich nicht mit ihrer Arbeit identifizieren konnte. Dennoch: während straight size Influencer*innen, die über Body Positivity sprachen, gehypt wurden und Reichweite erhielten, konnte ich als dicke Plus Size Bloggerin mit dem gleichen Anliegen kaum Sichtbarkeit erlangen. Manche Influencer*innen haben erkannt, dass es problematisch ist, als straight size Person im Zentrum dieser Bewegung zu stehen. Das rechne ich ihnen hoch an. Sie nutzen ihre Reichweite heute für sehr wichtige Themen wie beispielsweise sexualisierte Gewalt. 

Auch ich habe den Begriff Body Positivity nicht immer richtig verwendet. Ich entdeckte kürzlich einen Blogbeitrag von mir aus dem Jahr 2012, in welchem ich den Begriff benutzte  – und das hatte gar nichts mit Body Positivity zu tun. Ich wusste es zu dieser Zeit nicht besser. Und da der Begriff noch kein Trend war, ist dies auch nicht aufgefallen. Wir alle lernen dazu und wir verfeinern unsere Sprache, Positionen und Ziele. 

Von der Body Neutrality Bewegung fühle ich mich persönlich gar nicht angesprochen und ich habe bisher keinen Mehrwert für mich entdeckt. Selbstverständlich gibt es viele Aspekte der Body Neutrality, die ich sehr gut und wichtig finde und hinter welchen ich stehe. Meiner Meinung nach sind diese positiven Aspekte wie z.B. das Anstreben eines positiven Körperbilds mit dem Konzept von Körper-Respekt (so wie ich es verstehe) bereits abgedeckt. 

Mein Körper wird in der Gesellschaft nicht als neutral gesehen. Es ist nicht neutral, wenn in den Medien keine dicken Menschen gezeigt und diese erst recht nicht positiv repräsentiert werden. Es ist nicht neutral, wenn die Stuhllehnen zu eng sind und deshalb dicken Menschen die Teilnahme an Veranstaltungen verwehrt bleibt. 

Jameela Jamil sagte: “I don’t think about my body ever, “Imagine just not thinking about your body. You’re not hating it. You’re not loving it. You’re just a floating head. I’m a floating head wandering through the world.” („Ich denke nie über meinen Körper nach“, „Stell dir vor, du denkst nicht über deinen Körper nach. Du hasst ihn nicht. Du liebst ihn nicht. Du bist nur ein schwebender Kopf. Ich bin ein schwebender Kopf, der durch die Welt wandert.“) (3)

Es ist absolut sinnvoll, aufzuhören den eigenen Körper von Aussen zu beurteilen und uns selber und andere als Objekt zu betrachten. Der Zustand, den Jameela Jamil beschreibt, ist in meinen Augen jedoch absolut nicht erstrebenswert – und für dicke Menschen auch nicht erreichbar. Ich will meinen Körper bewohnen (Embodiment) und diesen von innen spüren, mit allen Sinnen. Dazu benötige ich Kopf und Körper. Mein Körper reagiert auch auf die Diskriminierung von aussen durch eine Stressreaktion.

Die Diskussion, ob Body Positivity oder Body Neutrality mehr Sinn macht, ist in meinen Augen nicht zielführend, ablenkend und je nach Beteiligten auch anmassend. Ich will nicht über Begriffe diskutieren, ich will verdammt nochmal ein diskriminierungsfreies Leben führen. Ich will soziale Gerechtigkeit. Und dazu braucht es mehr als Schlagworte.

Statt zu diskutieren, ob denn nun Body Neutrality besser ist als Body Positivity, will ich von Podcaster*innen hören, für was sie einstehen. Geht es um das Thema positives Körperbild? Geht es um den Lookismus von „normschönen“ Körpern oder auch um die Diskriminierung von hochgewichtigen und Schwarzen Menschen? Haben sie sich mit der eigenen Dickenfeindlichkeit auseinandergesetzt? Von wem haben sie ihre Informationen zum Thema? Was sind die Ziele der Arbeit neben dem nutzen von Trendy Hashtags#?

Damit sich  wirklich etwas verändert, will ich keine leeren Schlagworte, sondern Konzepte, Nuancen, Gespräche, Taten und Reflektion und sehr wichtig: mehr dicke, fette Menschen im Zentrum solcher Diskussionen.

Ps: Nach dem Verfassen dieses Text (im Sommer 2021) bin ich auf das Video von Sonya Renee Taylor gestossen welche dieses Thema auf den Punkt bringt.
Why Body Neutrality Doesn’t Work For Me: Bodies Are Political: https://www.instagram.com/tv/CY9ibeBBdG6/?utm_source=ig_web_copy_link

  1. https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2018-05/selfcare-selbstsorge-selbstliebe-audre-lorde-fotoserie
  2. The Body Is Not an Apology, Second Edition: The Power of Radical Self-Love by Sonya Renee Taylor
  3. https://www.goodhousekeeping.com/health/a36865992/what-is-body-neutrality/

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